Unsere Partnerschaft ist stärker als die Krise

Stifterversammlung der Stiftung Solidarität und Freundschaft Chuquisaca-Trier tagt erstmals digital

 

Mit dem Fazit, das die Freundschaft stärker als die Krise ist, endete am 01. Oktober die viertägige Stifterversammlung der StiftungSolidarität und Freundschaft Chuquisaca-Trier, die wegen der Corona-Pandemie dieses Jahr zum ersten Mal in virtueller Form stattfinden musste. Der ursprünglich geplante Besuch einer Delegation aus Sucre in Trier war bereits bei einer Videokonferenz der Verantwortlichen im Juni abgesagt worden. Stattdessen tauschten sich die Stiftervertreter*innen des BDKJ Trier und des Erzbistums Sucre, einige Mitglieder des Direktoriums und der Geschäftsführer der Stiftung vom 28. September bis 01. Oktober per Bildschirm aus. Neben der aktuellen Situation in beiden Ländern ging es dabei vor allem um die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Arbeit der Fundación und die partnerschaftlichen Verbindungen mit dem BDKJ und der Katholischen Jugend im Bistum Trier.

Der neue Erzbischof von Sucre, Mons. Ricardo Centellas, eröffnete als bolivianischer Stifter offiziell die Versammlung und verwies dabei auf den missionarisch-diakonischen Auftrag der Stiftung. Bei aller Ungewissheit und den vielen Veränderungsprozessen in beiden Ländern heiße es, besonnen zu bleiben und auf das Grundprinzip der Synodalität zu vertrauen: „Als Christ*innen sind wir gemeinsam unterwegs, sei es als Einzelpersonen, Gruppen oder Organisationen. Veränderungen brauchen nun mal Zeit, vor allem Änderungen der Denkweisen.“

 

Situation der Stiftung

Finanziell durchlebt die Stiftung gerade äußerst schwierige Zeiten. Durch den Ausfall der diesjährigen Boliviensammlungen musste der BDKJ seine Überweisungen für 2020 und die Zusagen für 2021 deutlich reduzieren. Zwar konnten einige neue Kooperationen im Projektbereich erzielt werden, aber die finanzielle Unterstützung durch den BDKJ stellt nach wie vor die wichtigste Säule des Haushalts dar. Auch im operativen Bereich ist nichts mehr so, wie es war: alle Schulen und damit auch die Internate der Stiftung bleiben mindestens bis Januar geschlossen. Die Mitarbeiter*innen sind nahezu alle im Homeoffice. Mit großem Engagement und Innovationsgeist haben sie bereits viele, neue digitale Formate für die Bildungsarbeit für und mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen entwickelt. Der Geschäftsführer, Àder Barrón, zeigte sich trotz aller Schwierigkeiten zuversichtlich: „Die Herausforderung der Virtualität ist da und wird uns über die Pandemie hinaus von Nutzen sein. Darin zeigt sich unsere Fähigkeit, das Wissen, das wir als Stiftung über Jahre aufgebaut haben, auch unter veränderten Bedingungen zu vermitteln. Es existiert jetzt ein neues Netzwerk an Jugendlichen, die uns dabei unterstützen.“

Alle Teilnehmenden der Versammlung waren sich einig darin: die aktuellen Herausforderungen in beiden Ländern lassen uns als Partner*innen und Christ*innen noch näher zusammenrücken, auch und ganz besonders in unserer gemeinsamen Stiftung. Denn, so Mons. Ricardo: „Alles ist eng miteinander verbunden.“ So berichteten die deutschen Stiftervertreter*innen von der breiten Solidarität mit Bolivien, die überall im Bistum Trier immer noch weiterlebt. Besonders deutlich wurde das durch den Erfolg des BDKJ-Spendenaufrufs im Sommer und die Jugendaktion „Solidarität bewegt“, bei der rund 40 Aktionsgruppen mitwirkten. Dieses Engagement, auch vieler junger Menschen macht Hoffnung und zeigt, so der Stiftervertreter des BDKJ, Matthias Pohlmann: „Die Partnerschaft ist stärker als die Krise!“

Aktuelle Lage in Bolivien

Zu Beginn der Gespräche berichteten die übrigen bolivianischen Teilnehmer*innen ausführlich über die derzeitige Lage im Partnerland. Bis Ende des Monats wurden im gesamten Land 133.900 bestätigte Covid19-Infizierte und knapp 8.000 Todesfälle gemeldet. Die Krankenhäuser sind nach wie vor überfüllt, so dass die meisten Infizierten zuhause behandelt werden müssen. Seit Anfang September ist aber eine deutliche und zunehmende Entspannung der Infektionslage zu erkennen. Der Höhepunkt der Pandemiewelle in Bolivien scheint überwunden. Doch die Gefahr eines Wiederaufflammens ist immer noch gegeben.

In Chuquisaca ist der Verkehr zwischen den Kommunen wieder eingeschränkt möglich, Reisen zwischen den Departamenten sind aber noch nicht erlaubt. Es finden derzeit auch keine öffentlichen Feiern und Veranstaltungen statt. Wirtschaftlich sind das Transportwesen, das Kleinstgewerbe und die Gastronomie besonders von der Corona-Beschränkungen betroffen, und damit vor allem die einkommensschwachen Bevölkerungsteile.

Nach langen Monaten im Shut-Down dürfen die Menschen in Sucre tagsüber nun wieder bis 17:00 Uhr das Haus verlassen. Ein Großteil der Bevölkerung hält sich an die verordneten Maßnahmen. Doch unter denjenigen, die tagtäglich für ihren Lebensunterhalt auf die Straße müssen, sehen Viele für sich und ihre Familien oft nur zwei Möglichkeiten: eine Covid-Infektion riskieren oder Hungern. Mit Blick auf die am stärksten von Armut betroffenen Personen hat die Regierung im September per Gesetz einen „Bonus gegen den Hunger“ beschlossen. Es handelt sich dabei um eine Einmalzahlung i.H.v. 1.000,00 Bolivianos für alle Erwachsenen, die kein regelmäßiges Einkommen haben und zu folgenden Gruppen gehören: alleinerziehende Mütter, Menschen mit Beeinträchtigungen oder Empfänger von Sozialhilfe.

Ab Juni konnte das öffentliche Leben im Land wieder sukzessive aufgenommen werden. Auch wenn in den Großstädten Cochabamba, Santa Cruz und la Paz fast alles wieder normal läuft, bleibt die Lage unsicher. In den Departamenten wurden sogenannte „operative Notfallteams“ eingesetzt, um die Bekämpfung der Pandemie besser zu koordinieren und nötige Maßnahmen zu planen. Die Verantwortung für die Umsetzung liegt bei den Kommunen. Diese sind jedoch finanziell absolut am Limit, weil sie alles zur Verfügung stehende Geld in das Gesundheitswesen und Hygienemaßnahmen investieren müssen. Hinzu kommt, dass immer mehr Unternehmen schließen und keine Investitionen mehr getätigt werden. Dadurch sinken auch die Einnahmen der Kommunen.

Im kirchlichen Bereich gibt es ebenfalls besorgniserregende Entwicklungen. Zum einen waren und sind immer noch viele Seelsorger und Ordensleute von einer Covid19-Infektion betroffen. Einige sind bereits verstorben. In den Pfarreien fallen durch die Absage von Gottesdiensten die Messintentionen weg, was finanzielle Einbußen für die Priester nach sich zieht. Denn anders als bei uns, sind die Seelsorger in Bolivien finanziell von den Einnahmen ihrer Pfarrei abhängig. Auch bei dem Umgang der Gläubigen mit den Auswirkungen der Krise gibt es Unterschiede zu Deutschland: Viele Katholik*innen – vor allem auf dem bolivianischen Campo - verzweifeln regelrecht, weil der Besuch eines Gottesdienstes nicht mehr möglich ist. Zwar werden neue, virtuelle Formen der Pastoral entwickelt, aber diese erreichen lange nicht alle Menschen.

In den nächsten Monaten und im kommenden Jahr steht das Land vor der großen Herausforderung, den gesamten Staatsapparat wieder ans Laufen zu bringen. Wie und ob das gelingt, bleibt mehr als fraglich und ist nicht zuletzt abhängig vom Ausgang der Wahlen. Diese finden am 18. Oktober statt. Der Wahlkampf ist im vollen Gange und verschlingt viel Geld. Die Umfragewerte zeigen, dass es möglicherweise sogar zu einem zweiten Wahlgang im November kommen könnte. Aus epidemiologischer Sicht wäre das problematisch, würden sich die Wähler*innen doch ein zweites Mal einer potentiellen Ansteckungsgefahr aussetzen.

 

Trier, den 16.10.2020

 

Irene Jötten, Bildungsreferentin, BDKJ-Bolivienreferat